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Experteninterview: Wege in die Selbstständigkeit als Arzt

Die Zweifel vor der Selbstständigkeit lassen viele junge Ärzte zögern. Der Ärzteberater Hans Schaffer erklärt im Interview, woher diese Zweifel kommen und wie sie überwunden werden können. Erfahren Sie, wie Ihnen der Start in die Selbstständigkeit als Arzt gelingt und worauf es bei der Planung Ihrer Praxisgründung ankommt.

So überwinden Ärzte die Zweifel vor der Selbstständigkeit

Gründen oder nicht gründen? Das ist die Frage, die sich viele Ärzte in Anstellung stellen. Hans Schaffer vom Institut für wirtschaftliche Praxisführung Dr. Rinner & Partner erklärt, woran es liegt, dass viele junge Ärzte Bedenken vor der Niederlassung haben und weshalb es auf die richtige, unternehmerische Denkweise ankommt, um mit der eigenen Praxis Erfolg zu haben.

Medestim: Herr Schaffer, was sind die Gründe dafür, dass sich viele junge Ärzte eine Selbstständigkeit nicht zutrauen?

Hans Schaffer: Da gibt es zwei Aspekte. Erster Aspekt: Früher gab es keine Gesetze, welche die Anstellung von Ärzten innerhalb einer Kassenzulassung reguliert haben. Deshalb hat sich jeder, der nicht in einem Krankenhaus arbeiten wollte, selbständig gemacht.

Der Rückgang an Ärzten, die sich für die Selbstständigkeit entscheiden, entsteht natürlich auch durch die gesetzlichen Möglichkeiten. So kann man heute auf einem Kassensitz bis zu fünf Ärzte einstellen. Und diese Möglichkeit wird von Ärzten mit steigendender Tendenz wahrgenommen.

Zweiter Aspekt: Es wird seit Jahrzehnten davon geredet, dass man Ärzte auch betriebswirtschaftlich ausbilden sollte. Das findet allerdings bis heute nicht statt. Aufgrund der fehlenden betriebswirtschaftlichen Kenntnisse entstehen bei jungen Ärzten auch Ängste vor der Selbstständigkeit. Das betrifft insbesondere den Kauf von Kassenverträgen. Das KV-System mit seinen vielen juristischen Hürden wirkt für viele schlicht abschreckend. Viele sagen sich, warum soll ich mir diese ganze Bürokratie antun, wenn ich auch als angestellter Arzt arbeiten kann.

Vereinfacht: Gehe ich in die Anstellung, kann ich als Arzt arbeiten, gehe ich in die Selbstständigkeit, muss ich als Unternehmer arbeiten.

selbststaendiger Arzt in seiner Praxis

Als Arzt in Selbständigkeit sind Sie immer auch Unternehmer.

Wie kann man jungen Ärzten diese Zweifel nehmen?

Um das zu ändern, braucht man angehende Ärzte nicht zu vollwertigen Betriebswirten auszubilden. Vielmehr gilt es, auf einer anderen Ebene Lust auf Unternehmertum zu schaffen. Man sollte Ärzte darin schulen, ein persönliches Lebensziel zu entwickeln und dieses mit einem Berufsziel in Einklang zu bringen.

Wer soll von mir profitieren? Warum sollen die Leute zu mir kommen? Solche Fragen stellen sich die jungen Leute nicht, weil alles auf das Juristische hinausläuft: Mietverträge, Arbeitsverträge, Kassenverträge, Verhandlungen mit den Krankenkassen. Dabei kommen die Emotionen des Unternehmertums zu kurz.

Heutzutage gibt es zunehmend mehr Ärztinnen. Doch fehlt Frauen eher der Mut für die Selbstständigkeit?

Ich glaube nicht, dass es Ärztinnen eher an Mut fehlt als den männlichen Kollegen. Vielmehr ist eine gesellschaftliche Entwicklung im Gange. Es stimmt, dass Frauen zunehmend die Ärzteschaft dominieren. Allerdings spielt bei der Karriereplanung von Frauen die Familie eine zentralere Rolle als bei Männern. Die eigene Familie und die Selbstständigkeit unter einen Hut zu bringen, ist eine große Herausforderung, die im Zweifel dazu führt, dass sich Ärztinnen aus Gründen der zeitlichen Flexibilität eher für eine Anstellung entscheiden.

Niedergelassene Ärztin bei Untersuchung in ihrer Praxis

Ärztinnen fehle nicht der Mut zur Selbstständigkeit, sondern eher die zeitliche Flexibilität, sagt Hans Schaffer.

Tipp: Wie Ihnen trotz eigener Praxis Zeit für Ihr Privatleben bleibt, zum Beispiel durch Teilzeitarbeit, erfahren Sie in unserem Beitrag zur Work-Life-Balance als Arzt.

Raus aus der toten Mitte: Strategische Praxisplanung

Sobald alle anfänglichen Zweifel zur Seite geräumt sind und Sie sich für die Niederlassung in einer eigenen Praxis entschieden haben, kann es an die Planung gehen. Ärtzeberater Hans Schaffer erklärt, warum Sie strategisch denken sollten, um ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen.

Welche Eigenschaften braucht ein Arzt für die Selbstständigkeit?

Der Arzt sollte in der Lage sein, zumindest ein bisschen strategisch zu denken. Denn strategisch entwickelte Praxen haben es deutlich einfacher, Mitarbeiter und Patienten zu gewinnen.

Ein Arzt, der seine Praxis nicht auf die sogenannte tote Mitte ausrichtet, ist deutlich erfolgreicher. Denn tote Mitte bedeutet, eine zu große Ähnlichkeit mit anderen Durchschnitts-Praxen zu haben. Die Ähnlichkeit betrifft alle Bereiche, angefangen bei der Ausbildung der Mitarbeiter, dem Leistungsspektrum, den Preisen, den Produkten bis zum Design des Wartezimmers und der Website.

Ein strategisches Unternehmen hingegen baut auf Einzigartigkeiten, Herausragendes und Besonderheiten auf. Damit akquiriert das Unternehmen andere Kunden. Durch andere Produkte und Preise kommen schließlich andere und bessere Erfolge.

Das Zurückschrecken vor der Selbstständigkeit liegt daran, dass junge Ärzte von Beginn an und aus Gewohnheit in die tote Mitte hineinschauen.

erfolgreicher Arzt in Niederlassung

Wer seine Praxis als Marke aufbaut, hat schneller Erfolg.

Sich als Arzt selbstständig machen: Übergangsphase sinnvoll nutzen

In der Übergangsphase zwischen Anstellung und Selbstständigkeit haben Sie Gelegenheit, sich auf Ihre Niederlassung vorzubereiten, etwa, indem Sie sich fortbilden. Außerdem ist es sinnvoll, nun die strategische Praxisplanung voranzutreiben, um finanziellen Engpässen in den ersten Monaten Ihrer Selbstständigkeit entgegenzuwirken.

Wie nutzt ein Arzt die Übergangsphase zwischen Anstellung und Selbstständigkeit am besten?

In dieser Phase ist es sehr sinnvoll, Fortbildungen zu besuchen. Um heutzutage ein selbständiger Facharzt zu werden, muss man rund 1,1 Millionen Minuten lernen. Die paar hundert Minuten für eine Fortbildung zur Entwicklung eines Lebens- und Berufszieles sind deswegen gut investiert. Parallel dazu sollten Ärzte die Zeit nutzen und sich betriebswirtschaftliche Kenntnisse aneignen.

Im Hinblick auf die spätere Mitarbeiterführung sollten man sich die Frage stellen: Bin ich in der Lage Menschen weiterzuentwickeln? Natürlich muss man sich auch entscheiden, ob man mit Kassenvertrag oder als Privatarzt in den Markt geht.

Wie lassen sich finanzielle Engpässe beim Start in die Selbstständigkeit vermeiden?

Da gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Man bereitet sich im Rahmen eines Businessplans vor. Dabei kalkuliert man beispielweise, dass man in den ersten sechs Monaten bestimmte Kosten hat. Die Kosten sind in der Regel bekannt, unbekannt sind hingegen die Umsätze. Wenn man in die Kassenpraxis geht, hat man moderate langsame Zuflüsse aus der Kassenabrechnung, die in der Regel immer zwei Quartale verspätet eintreffen. In so einem Fall muss man mit Hilfe des Businessplans die Bank um einen Kredit bitten.

Die andere Möglichkeit ist, man bereitet das Unternehmen durch strategische Planung anders vor, indem man eine Praxismarke aufbaut. Diese Marke geht dann durch geschickte Unternehmenskommunikation bereits vor Praxiseröffnung auf den Markt. So versucht man, die Praxis vor der Eröffnung bereits drei bis vier Wochen im Voraus auszubuchen. Dadurch hat man vom ersten Tag an einen Umsatz und frühere Zuflüsse. Das Fenster der Kostenüberbrückung wird also immer kleiner.

Die Frage ist auch hier: Gründe ich eine Praxis der toten Mitte oder ein Markenunternehmen im medizinischen Bereich?

junger Arzt im Krankenhaus vor der Niederlassung

Nutzen Sie die Phase vor der Praxisgründung für Ihre Planung und Fortbildung.

Tipp: Lesen Sie in unserem Artikel zum Umsatz bei der Praxisübernahme, wie Sie eine Praxis erfolgreich weiterführen.

Standortanalyse: Notwendig oder überbewertet?

Vor der Gründung Ihrer eigenen Praxis stellen Sie sich vermutlich auch die Frage nach dem passenden Standort. Hans Schaffer erklärt, ob und in welchen Fällen eine Standortanalyse vor der Niederlassung relevant ist.

Stichwort Standortanalyse: Würde Sie einem jungen Arzt eher raten eine Praxis in der Stadt oder auf dem Land zu gründen?

Die Standortanalyse ist etwas sehr Relatives. Ich kenne Augenarztpraxen mit einer Million Euro Umsatz, während die Durchschnittsaugenpraxis in Deutschland nicht einmal 400.000 Euro Umsatz im Kassenbereich macht. Die Augenarztpraxen mit einer Million, von denen ich spreche, liegen im ländlichen Bereich von Sachsen und Brandenburg und im polnischen oder tschechischen Grenzgebiet. Hier ist eine Standortanalyse also wenig aussagekräftig.

Wer sich mit einer echten Strategie und dem richtigen Können selbstständig macht und eine gute Marke auf den Markt bringt, sprich eine Markenpraxis entwickelt, für den wird die Standortfrage nicht so brennend sein, wie für einen Arzt, der sich im Durschnitt bewegt.

Trotzdem muss man das Gesamtbild betrachten und der Trend geht sicherlich dahin, dass neben den Zentren und großen Städten die sogenannte mittelgroße Stadt mit einem überdurchschnittlichen Infrastruktur- und Kulturangebot junge Ärzte anzieht. Auf dem Land hingegen wird es als Folge der demografischen Entwicklung zunehmend dünner.

Aus meiner Erfahrung heraus kann ich jedoch sagen: Wenn ich als Arzt gutes Geld verdienen will, gehe ich vielleicht eher in die Peripherie und eben durchaus auf das Land. Denn ich sehe Ärzte, die auf dem Land mit 50 Jahren das Geld ihres Lebens verdienen, während der Kollege in der Stadt das mit 70 immer noch nicht geschafft hat.

Ich glaube, dass viel mehr vom Verhalten und Können abhängt als von der Qualität des Standortes. Diese ist zwar nicht zu unterschätzen, wird aber aus meiner Sicht überbewertet.

Wir bedanken uns bei Herrn Schaffer sehr herzlich für das aufschlussreiche Interview!

Ärzteberater Hans Schaffer

Hans Schaffer gründete 1988 gemeinsam mit Dr. Günter Rinner die Dr. Rinner & Partner GmbH in Salzburg, die Ärzte zur Praxisfinanzierung und zu spezifischen Versicherungslösungen für Arztpraxen berät. Unter Federführung von Hans Schaffer entwickelte sich zudem eine neue Sparte im Unternehmen: die integrative Unternehmensberatung für Ärzte, Arztpraxen und MVZs.

Das Thema Selbstständigkeit als Arzt ist komplex, aber mit der richtigen Herangehensweise lässt sich die Praxisgründung meistern. Informieren Sie sich in unserem Ratgeber über alle relevanten Punkte rund um die Praxisübernahme, von der Kassenzulassung bis zum Praxismarketing.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihrem Weg in die Selbstständigkeit!

Bilder: Titelbild: ©iStock/demaerre, Bild 1: © DigitalVision/ PeopleImages; Bild 2: © iStock/ sturti; Bild 3: ©iStock/AJ_Watt;  Bild 4: © OJO Images/ Sam Edwards

By | 2018-04-11T13:30:21+00:00 Dezember 11th, 2017|Categories: Praxisübernahme|Kommentare deaktiviert für Experteninterview: Wege in die Selbstständigkeit als Arzt